Entry 3

Als ich kurz vor dem Abitur stand, erlebte ich einen persönlichen Tiefpunkt. Nicht nur seelisch litt ich, sondern auch meine Noten waren so schlecht wie nie zuvor. Meine Lehrer und auch ich begannen zu bezweifeln, ob ich meinen Abschluss überhaupt schaffen würde.

Stéphanie kannte ich aus dem Nähunterricht, den ich während einer Mittagspause über mehrere Monate hinweg freiwillig besucht hatte. Doch schon in dieser kurzen Zeit war mir aufgefallen, dass sie eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzt: Sie sah in mir was andere nicht sahen. Sie hörte was andere nicht hörten. Fast drei Jahre vergingen, ohne dass wir uns sahen, bis wir uns kurz vor dem Abitur zufällig in der Schule über den Weg liefen. Es war, als ob das Schicksal uns zusammengeführt hätte. Stéphanie blieb stehen, sah mich an, und ich spürte, dass sie sofort merkte, dass etwas nicht stimmte. “Falls du reden möchtest, schick mir eine E-Mail. Ich bin für dich da”, sagte sie.

Stéphanie schien (wieder mal) den Schmerz in mir zu sehen, den sonst niemand bemerkte. Als junges Mädchen fühlte ich mich oft übersehen. Obwohl jeder meine herausragenden Noten lobte und meine Aktivitäten außerhalb des Unterrichts würdigte, schien niemand wahrzunehmen, was in mir vorging. Heute weiß ich, welches Glück ich hatte, dass Stéphanie mir ihre Hand reichte. Anfangs war ich unsicher, ob ich mich bei ihr melden sollte. Doch dann ermutigte mich eine Freundin: “Nutze diese Chance.” So schrieb ich ihr eine E-Mail, und wir trafen uns.

In einem dreistündigen Gespräch gelang es ihr, mir eine groβe Last, die ich jahrelang mit mir herumgetragen hatte, von den Schultern zu nehmen. Ich hatte nicht geplant, lange zu reden, aber Stéphanie bot mir einen geschützten Raum und das Gefühl von Sicherheit. Sie hatte erkannt was ich brauchte. Mir war das zu dem damaligen Zeitpunkt nicht bewusst. Es passierte dann einfach: Ich konnte mich öffnen und mein Schweigen brechen. Ich sprach über Dinge, die ich zuvor mit niemandem besprochen hatte. Ich durchlebte so viele Emotionen, die ich zuvor nie ausdrücken konnte. Und Stéphanie hielt den Raum für mich.

Ich werde ihr nie genug dafür danken können. Dieses befreiende Gespräch war entscheidend dafür, dass ich mein Abitur schaffen konnte. Uns war klar: Die Zeit war knapp. Aber die Blockade war überwunden. 

Stéphanie sorgte dafür, dass ich mein Sicherheitsgefühl nicht auf den letzten Metern und während der Prüfungen verlor. Sie stand fest an meiner Seite, wie ein Fels in der Brandung. Dank ihr konnte ich innere Ressourcen mobilisieren, die für den Endspurt entscheidend waren. So erreichte ich das, woran jeder, einschließlich der Lehrer, gezweifelt hatte: Ich schaffte mein Abschlussjahr. Stéphanie bot mir die Unterstützung an, die ich so dringend benötigte, eine Unterstützung, die kein Lehrer mir jemals geboten hatte. Sie war da, als alle wegschauten oder nicht sahen, was gesehen werden wollte.

Das verbindet. Auch Jahre später sind wir noch in Kontakt. Das Wohlbefinden der Schüler, des Menschen, liegt ihr so am Herzen, dass es einem leicht fällt, alles mit ihr zu teilen. Sie wird Teil deiner Reise, durchlebt als Mentorin mit dir alle Höhen und Tiefen. Ich könnte niemals genug Dank ausdrücken, denn ohne Stéphanie hätte ich den Weg durch das Abitur nicht alleine bewältigen können.

Shamia I.